Der emotionale Aspekt des Sehens

Der emotionale Aspekt des Sehens

Um ehrlich zu sein: Ich war ein Sehtrainings-Nerd. Jeden Tag konnte ich viel Zeit damit verbringen, Sehübungen zu machen und mich mit meinen Augen zu beschäftigen. Ich übte und übte… und übte – doch nach anfänglichen Erfolgen, die mich unglaublich begeistert hatten, hatte ich ein Plateau erreicht und kam einfach nicht weiter.

Also nahm ich mir vor, noch disziplinierter zu sein und mehr zu üben. An manchen Tage versuchte ich, alle Sehübungen, die ich jemals gelernt hatte, durchzuführen – und ich kannte viele Sehübungen! Doch meine Augen wurden einfach nicht besser, im Gegenteil: Manchmal überkam mich sogar der Eindruck, dass sie sich wieder verschlechterten. Ich war sehr frustriert. Und stellte Sehtraining als solches infrage… bis ich mir irgendwann selber auf die Schliche kam: Ich war die ganze Zeit in dem mir wohlbekannten Muster, hart zu mir selbst zu sein und mich zu sehr anzustrengen unterwegs gewesen. Den emotionalen Aspekt des Sehens hatte ich vollkommen vernachlässigt, wahrscheinlich unbewusst wohlwissend, dass mich die Beschäftigung damit in tiefgreifende Prozesse führen würde.

Statt weiterhin alleine und mit Druck, Sehübungen zu machen, erweiterte ich meinen Blick und suchte mir Unterstützung. Mit Hilfe eines Sehtrainers fing ich an, in mich hineinzuhorchen: Wann war meine Sehschwäche entstanden? Was war in der Zeit vorher in meinem Leben passiert? Gab es einschneidende Erlebnisse oder belastende Lebensumstände, die dazu geführt haben, dass ich etwas im wahrsten Sinne des Wortes „nicht sehen wollte“? Ich erfuhr so vieles über mich selbst und kam insgesamt in meiner Selbstheilung entscheidend voran. Dies kann ich heute an andere Menschen weitergeben.

Fehlsichtigkeiten treten bei vielen Menschen in herausfordernden Umbruchsphasen auf, z.B. nach einem Umzug, einer Trennung oder dem Tod eines/einer Angehörigen. Unbewusst wählen wir physische Verschwommenheit als emotionales Schutzschild. Ein Rückweg zu klarem Sehen ist deshalb, dass wir uns unserer Vergangenheit zuwenden, anerkennen, wie schwierig sie teilweise für uns war und dass wir unsere Sicht haben verschwimmen lassen, um uns zu schützen. Diesen Schutz brauchen wir aber nun nicht mehr. Wir können heute auf andere Weise für uns selber sorgen.

In meinen Seh-Seminare machen wir an dieser Stelle oft gemeinsam die Übung, Ressourcen, die wir damals gebraucht hätten, in die Vergangenheit zu schicken und uns so ein Stück weit selbst zu ermächtigen. Es ist auch Raum, Gefühle zu fühlen, die wir lange Zeit unterdrückt haben und die ausgedrückt werden wollen, damit wir wieder klarer sehen können.

In jedem Fall ist die Beschäftigung mit dem emotionalen Aspekt deines Sehens ein sehr lohnender, zum dem ich dich ermuntern möchte.