Der weiche Blick

Hart zu uns selbst zu sein und uns zu kritisieren – das sind wir gewohnt. 4000 Jahre Patriarchat und unsere moderne Leistungsgesellschaft haben sich tief in unsere Zellen und unser Denken eingegraben. Schon in der Schule lernen wir, uns an äußeren Bewertungsmaßstäben zu messen und uns mit Anderen zu vergleichen – und geben so auch später im Leben „dem Außen“ mehr Macht als unserer inneren Wahrheit.

Besonders die weibliche Inbrunst, sich selbst zu kritisieren, ernährt etliche Industriezweige und Chirurgie-Praxen. Die freiwillige, unbezahlte Selbst-Ablehnung und chronisches „Sich-Vergleichen-Müssen“ haben in unserem digitalen Zeitalter epidemische Ausmaße angenommen.

Doch wie wäre es, wenn wir einmal etwas kulturell Ungewöhnliches täten- und Pause machten, von der energiezehrenden Vorstellung, wir würden nicht genügen? Wenn wir mit einem weichen, freundlichen Blick auf uns selbst und unser Leben schauten, anstelle der kollektiven Hypnose nachzueifern, wir müssten uns mehr anstrengen und optimieren?

Ein ganz konkreter, physischer Weg in diese weichen und warmen Momente mit uns selbst, ist die Entspannung unserer Augen, die sich auf unseren gesamten Körper und unser Lebensgefühl auswirkt.

Wenn du magst, schenk dir nach dem Lesen dieses Blogartikels für ein paar Minuten ein wohliges Gefühl, in dem du deine Handflächen warmreibst und sie auf deine geschlossenen Augen legst. Lass die Dunkelheit durch deine Augenlider in dich hineinsinken, atme tief und richte die Aufmerksamkeit nach Innen- statt dich an äußeren Maßstäben und dem was scheinbar „normal“ ist zu orientieren.

Ich wünsche uns allen diesen weichen Blick auf uns selbst, andere Menschen und unser Leben!

Grenzen setzen

Seien es Begeisterung, Freude, Verspieltheit, herzhaftes Lachen, sprudelnde Lebensfreude, Leichtigkeit oder ekstatische Glücksgefühle – all diese Zustände erleben wir in Momenten, in denen wir uns sicher fühlen.

Dieses „sich sicher fühlen“  ist physisch betrachtet ein Modus, der sich  in unserem Nervensystem freischaltet. Das Gegenteil davon ist der sogenannte „Flucht-oder Kampf“-Modus. Ein Zustand, in dem wir unter Strom stehen, uns ängstlich oder angespannt fühlen. Leider ist  dieser „Flucht-oder Kampfmodus“  für uns Menschen in einer Leistungs- und Burnout- Gesellschaft oft Normalität geworden.

Was nun? Ich glaube, der Weg, um Sicherheit zurück in unser Nervensystem rieseln zu lassen, führt uns raus aus dem Kopf und tief in unsere Körper zurück. Und er kommt nicht umhin, dass wir unsere Grenzen wahrnehmen und sie zu verteidigen üben. Das mag sich für manch eine hart anhören, doch ist „Grenzen Setzen“ ein unverzichtbares Training für unser Nervensystem, damit wir uns sicher fühlen. Sicher mit uns selbst und sicher in der Welt.

Was bedeutet Grenzen setzen? Zum einen natürlich ganz banal, „Nein“ sagen zu KÖNNEN, wenn wir nein sagen MÖCHTEN.  Das ist schon mal gar nicht so einfach, besonders für „brave Mädchen“, auch wenn sie inzwischen zu erwachsenen Frauen geworden sind. Weiter gefasst bedeutet es auch: Wir können für uns und unsere Meinung eintreten und lassen uns nicht von der Außenwelt belabern, verwirren oder stressen. Wir können „bei uns bleiben“ und innerlich von kollektiven oder individuellen Erwartungen und Konditionierungen abgrenzen.

Gesunde Grenzen sind letztendlich das instinktive Bedürfnis, das wir wie alle Säugetiere nach einem schützenden Raum – einem „Revier“ – um uns herum haben, das uns Sicherheit und innere Ruhe verleiht.

Und weil Grenzen so instinktiv und fundamental in unserem ganzen System angesiedelt sind,  brauchen wir unsere Körper, um unsere Grenzen zu spüren und zu reparieren. Weiche, geschützte, bestärkenden Lern- und Erfahrungsräume in einer Gruppe,  in denen Mitteilung, Bewegung und Verwandlung stattfinden kann.

Weibliche Wut

Wut hat ein Imageproblem. Da viele Menschen ihre Wut in Form von verletzendem oder zerstörerischen Verhalten ausagieren, verbinden wir kollektiv gesehen mit den Wörtern „Wut“ und „Aggression“ nichts Gutes. Das ist schade, denn Wut ist eigentlich wunderbar. Wenn wir lernen, sie positiv zu nutzen, hat sie großes Potential, unser Leben leidenschaftlicher und lebendiger zu machen.

Wut ist mehr als nur ein Gefühl. Sie ist auch ist auch eine uns innenwohnende Kraft, die uns schützt und zu Veränderungen anregt, indem sie uns zeigt: „hier stimmt etwas nicht für mich“. Vielen wichtigen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen wie sie zum Beispiel der Frauenbewegung gingen und gehen Wut und ihre Spielarten Frustration Ärger und Empörung voraus. Der Kontakt mit unserer Wut holt uns aus dem „Opfermodus“ heraus und macht uns handlungsfähig. Unterdrückte Wut hingegen lässt uns in Lähmung, Unentschlossenheit und Verwirrung festhängen.

Wut betrifft alle Geschlechter. Unser Verhältnis zu Wut ist zu einem großen Teil in unserer individuellen Geschichte begründet. Doch für Frauen war Wut jahrhundertelang ein verbotenes Gefühl. In den ehemals stark patriarchalen Strukturen, in denen unsere Gesellschaft wurzelt, hatte das weibliche Geschlecht gehorsam und friedfertig zu sein. Wütende, wilde und widerspenstige Frauen hätten die bestehende Ordnung bedroht.

Dieses kulturelle Erbe und auch moderne, subtilere Unterdrückungsmechanismen prägen uns noch heute und machen viele Frauen zu angepassten, braven Mädchen, die lieber nicht anecken wollen, als für sich einzutreten. Viele Frauen sind regelrecht süchtig danach, es allen Recht machen zu wollen und verletzen dabei oft die eigenen Grenzen. Wenn wir wirklich genau hinschauen, ist dieses Verhalten letztendlich- ebenso wie das Herumkritisieren am eigenen Körper oder übertrieben perfektionistische Ansprüchen an sich selbst- eine Form von Autoaggression. Sie ist in dem weg-konditionierten Zugang zu nach außen gerichteter, aggressiver Lebenskraft begründet, die sich deshalb nach innen wendet, um einen Ausdruck zu finden.

Wie aber können wir Frauen in Kontakt mit unserer Wut und Aggression kommen, die uns kulturell so lange Zeit aberzogen wurde? Sicherlich gibt es viele Wege. Der effektivste, den ich kennengelernt habe, führt über neuartige körperliche Erfahrungen und wirkt tiefer als gesellschaftliche Prägungen. Dabei geht es in erster Linie nicht um heftiges Ausagieren durch Schreianfälle. Sanftere Zugänge wie durch kräftige Berührungen oder bewusste, zielgerichtete Bewegungen sind für unser Nervensystem oftmals viel geeigneter, um Wut zu integrieren und im Alltag als Lebenskraft nutzbar zu machen, die unsere Grenzen schützt und uns leidenschaftlicher leben lässt.

In meiner Arbeit stelle ich immer wieder fest, wieviel Lachen in den Raum kommt, wenn Frauen in einem geschützten Raum die Masken fallen lassen und ihre Wut als körperliche Energie spüren können. Wieviel Lebendigkeit und Kraft ist doch in unserer Wut gespeichert! Wieviel Potential zu Veränderung hält sie für uns bereit!

Weibliche Wut ist richtig und wichtig in dieser Zeit, in der Frauen immer noch kollektiv von Benachteiligungen betroffen sind und es lohnt sich, diese Wut zu lieben und zu erkunden und ihr zu folgen.